> Stehen an der Grenze zu Iraq und warten auf den Einsatz. In 2 Wochen
> werden es 250.000 sein. Ich glaube nicht, das Bush diese freiwillig
> abziehen wird. Und wer sollte ihn zwingen?
>
Selbst Millionen Soldaten sind nicht mehr und nicht weniger als die
willenlose Verfügungsmasse ihres Oberbefehlshabers: Der kann den
Befehl zum Angriff solange nicht geben, als es die Umstände, die er
zu berücksichtigen gezwungen ist, dies nicht erlauben. Und darum, ob
diese Umstände zu erreichen sind oder eben nicht, tobt jetzt der
Kampf, der ein reiner Medien-Kampf ist, in dem Soldaten, hier oder
dort, wieviele auch immer, nur Staffage sind, bis der mediale
Vorkampf um die Meinung der Mehrheiten entschieden ist. Erst dann
kommen sie zum Einsatz - oder werden wieder abgezogen:
Aus dem Jahr 1922, ja: 1922!, - über “Die Presse”
[Man bedenke beim Lesen STETS mit, welche Veränderung es bedeutet,
daß Presse heute durch Medien -und das heißt zuerst und vor allem:
FERNSEHEN!- zu ersetzen ist!]
…”Schießpulver und Buchdruck gehören zusammen, beide in der hohen
Gotik erfunden, beide aus” [..westlichem] “technischen Denken heraus,
als die beiden großen Mittel faustischer Ferntaktik.” […] Die
vereinzelten Blätter der Aufklärungszeit verwandeln sich in ‘die
Presse’, wie man mit bezeichnender Anonymität[1] sagt. Der
Pressefeldzug entsteht als die Fortsetzung -oder Vorbereitung- des
Krieges mit andern Mitteln, und seine Strategie der
Vorpostengefechte, Scheinmanöver, Überfälle, Sturmangriffe wird
während des 19. Jahrhunderts bis zu dem Grade durchgebildet, daß ein
Krieg schon verloren sein kann, bevor der erste Schuß fällt - weil
die Presse ihn inzwischen gewonnen hat.
Heute leben wir so widerstandslos unter der Wirkung dieser geistigen
Artillerie, daß kaum jemand den inneren Abstand gewinnt, um sich das
Ungeheuerliche dieses Schauspiels klarzumachen. Der Wille zur Macht
in rein demokratischer Verkleidung hat sein Meisterstück damit
vollendet, daß dem Freiheitsgefühl der Objekte mit der vollkommensten
Knechtung, die es je gegeben hat, sogar noch geschmeichelt wird. Der
liberale Bürgersinn ist stolz auf die Abschaffung der Zensur, der
letzten Schranke, während der Diktator der Presse -Northcliffe!- die
Sklavenschar seiner Leser unter der Peitsche seiner Leitartikel,
Telegramme und Illustrationen hält. Die Demokratie hat das Buch aus
dem Geistesleben der Volksmassen vollständig durch die Zeitung
verdrängt. Die Bücherwelt mit ihrem Reichtum an Gesichtspunkten, die
das Denken zur Auswahl und Kritik nötigte, ist nur noch für enge
Kreise ein wirklicher Besitz. Das Volk liest die eine, ’seine’
Zeitung, die in Millionen Exemplaren täglich in alle Häuser dringt,
die Geister vom frühen Morgen an in ihren Bann zieht, durch ihre
Anlage die Bücher in Vergessenheit bringt, und, wenn eins oder das
andre doch einmal in den Gesichtskreis tritt, seine Wirkung durch
eine vorweggenommene Kritik ausschaltet.
Was ist Wahrheit? Für die Menge das, was man ständig liest und hört.
Mag ein armer Tropf irgendwo sitzen und Gründe sammeln, um ‘die
Wahrheit’ festzustellen - es bleibt seine Wahrheit. Die andre, die
öffentliche des Augenblicks, auf die es in der Tatsachenwelt der
Wirkungen und Erfolge allein ankommt, ist heute ein Produkt der
Presse. Was sie will, ist wahr. Ihre Befehlshaber erzeugen,
verwandeln, vertauschen Wahrheiten. Drei Wochen Pressearbeit, und
alle Welt hat die Wahrheit erkannt.[2] Ihre Gründe sind so lange
unwiderleglich, als Geld vorhanden ist, um sie ununterbrochen zu
wiederholen.” […] “Die Dynamik der Presse will dauernde Wirkungen.
Sie muß die Geister dauernd unter Druck halten. Ihre Gründe sind
widerlegt, sobald die größere Geldmacht sich bei den Gegengründen
befindet und sie noch häufiger vor aller Ohren und Augen bringt. In
demselben Augenblick dreht sich die Magnetnadel der öffentlichen
Meinung nach dem stärkeren Pol. Jedermann überzeugt sich sofort von
der neuen Wahrheit. Man ist plötzlich aus einem Irrtum erwacht.
Mit der politischen Presse hängt das Bedürfnis nach allgemeiner
Schulbildung zusammen,” […] “Es ist ein ganz unbewußter Drang
darin, die Massen als Objekte der Parteipolitik dem Machtmittel der
Zeitung zuzuführen. Dem Idealisten der frühen Demokratie erschien das
als Aufklärung ohne Hintergedanken, und heute noch gibt es hier und
da Schwachköpfe, die sich am Gedanken der Pressefreiheit begeistern,
aber gerade damit haben die kommenden Cäsaren der Weltpresse freie
Bahn. Wer lesen gelernt hat, verfällt ihrer Macht, und aus der
erträumten Selbstbestimmung wird die späte Demokratie zu einem
radikalen Bestimmtwerden der Völker durch die Gewalten, denen das
gedruckte Wort gehorcht.
Man bekämpft sich heute, indem man sich diese Waffe entreißt. In den
naiven Anfängen der Zeitungsmacht wurde sie durch Zensurverbote
geschädigt, mit denen die Vertreter der Tradition sich wehrten, und
das Bürgertum schrie auf, die Freiheit des Geistes sei in Gefahr.
Jetzt zieht die Menge ruhig ihres Wegs; sie hat diese Freiheit
endgültig erobert, aber im Hintergrunde bekämpfen sich ungesehen die
neuen Mächte, indem sie die Presse kaufen. Ohne daß der Leser es
merkt, wechselt die Zeitung und damit er selbst den Gebieter.[3] Das
Geld triumphiert auch hier und zwingt die freien Geister in seinen
Dienst. Kein Tierbändiger hat seine Meute besser in der Gewalt. Man
läßt das Volk als Lesermasse los, und es stürmt durch die Straßen,
wirft sich auf das bezeichnete Ziel, droht und schlägt Fenster ein.
Ein Wink an den Pressestab und es wird still und geht nach Hause. Die
Presse ist heute eine Armee mit sorgfältig organisierten
Waffengattungen, mit Journalisten als Offizieren, Lesern als
Soldaten. Aber es ist hier wie in jeder Armee: der Soldat gehorcht
blind, und die Wechsel in Kriegsziel und Operationsplan vollziehen
sich ohne seine Kenntnis. Der Leser weiß nichts von dem, was man mit
ihm vor hat, und soll es auch nicht, und er soll auch nicht wissen,
welch eine Rolle er damit spielt. Eine furchtbarere Satire auf die
Gedankenfreiheit gibt es nicht. Einst durfte man nicht wagen, frei zu
denken; jetzt darf man es, aber man kann es nicht mehr. Man will nur
noch denken, was man wollen soll, und eben das empfindet man als
seine Freiheit.
Und die andere Seite dieser späten Freiheit: es ist jedem erlaubt zu
sagen, was er will; aber es steht der Presse frei, davon Kenntnis zu
nehmen oder nicht. Sie kann jede ‘Wahrheit’ zum Tode verurteilen,
indem sie ihre Vermittlung an die Welt nicht übernimmt, eine
furchtbare Zensur des Schweigens, die um so allmächtiger ist, als die
Sklavenmasse der Zeitungsleser ihr Vorhandensein gar nicht
bemerkt.[4]” …
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“[1] Und wie im Anklang an ‘die Artillerie’.
[2] Das stärkste Beispiel wird für künftige Geschlechter die Frage
der ‘Schuld’ am Weltkrieg sein, das heißt die Frage, wer durch
Beherrschung der Presse und Kabel aller Erdteile die Macht besitzt,
für die Weltmeinung diejenige Wahrheit herzustellen, die er für seine
politischen Zwecke braucht. Eine ganz andre Frage, die nur in
Deutschland noch nicht mit der ersten verwechselt wird, ist die rein
wissenschaftliche, wer ein Interesse daran besaß, ein Ereignis gerade
im Sommer 1914 eintreten zu lassen, über das es damals schon eine
ganze Literatur gab.
[3] In der Vorbereitung des Weltkrieges wurde die Presse ganzer
Länder finanziell unter das Kommando von London und Paris gebracht,
und damit die zugehörigen Völker in eine strenge geistige Sklaverei.
Je demokratischer die innere Form einer Nation, desto leichter und
vollständiger erliegt sie dieser Gefahr. Das ist der Stil des 20.
Jahrhunderts. Ein Demokrat vom alten Schlage würde heute nicht
Freiheit für die Presse, sondern von der Presse fordern, aber
inzwischen haben die Führer sich in ‘Angekommene’ verwandelt, die
ihre Stellung gegenüber der Masse sichern müssen.
[4] Die Bücherverbrennung der Chinesen (Bd. II, S. ..) ist harmlos
dagegen.”